Siebenundsechzig Jahre Klang
Fünfundsiebzig Jahre Klang
Ich arbeite seit elf Jahren im Fundbüro am Kölner Hauptbahnhof. Man glaubt nicht, was die Leute liegen lassen. Regenschirme, Handys, Eheringe, einmal sogar eine Urne mit Asche. Aber so etwas wie an jenem Dienstag im November hatte ich noch nie auf dem Tresen.
Ein alter Mann legte einen Gitarrenkoffer vor mich hin. Dunkelbraunes Leder, abgewetzt an den Kanten, die Schlösser angelaufen. Er trug eine Wolljacke, die an den Ellbogen dünn geworden war, und seine Hände zitterten ein wenig, als er den Koffer öffnete.
„Ich möchte sie abgeben.“
Die Gitarre war alt, aber gepflegt. Der Lack am Korpus gesprungen wie trockener Flussboden. Die Saiten rostig. Am Hals klebte ein Aufkleber, halb abgerieben: ein Stier.
„Abgeben heißt, sie gehört einem nicht mehr“, sagte ich. Es war früh, kurz nach sieben, der Bahnhof roch nach Putzmittel und kaltem Rauch von draußen. Mein Rücken tat weh von der Nachtschicht.
„Genau das heißt es.“
Ich schob ihm das Formular hin. Er füllte es in Großbuchstaben aus: Werner, 75, Ehrenfeld. Als Grund schrieb er: kein Bedarf mehr.
„Warum?“, fragte ich. Nicht weil es mich etwas anging. Sondern weil ich sehen wollte, ob er den Satz zu Ende bringt.
Er schaute auf die Gitarre, dann auf die Uhr über meinem Kopf. „Fünfzig Jahre lang hatte sie einen Platz. Jetzt hat ihn jemand anderes.“
Er gab mir den Stift zurück. Ich wollte ihn unterschreiben lassen, aber er war schon an der Glastür.
Ich hätte nie wieder an Werner gedacht. Es kommen täglich sechzig, siebzig Leute in dieses Büro, jeder mit einer Geschichte, die er nicht erzählt. Aber zwei Wochen später stand eine Frau Mitte fünfzig vor mir, die Haare streng nach hinten gebunden, und sagte: „Mein Vater hat hier eine Gitarre abgegeben. Ich hole sie zurück.“
Sie hieß Petra, das stand auf ihrem Ausweis. Ich prüfte die Akte. „Können Sie mir die Gegenstände nennen?“
„Ein Koffer, braun. Eine Gitarre. Darf ich sie sehen?“
„Nur, wenn Sie wissen, was drin ist.“
„Das ist mein Ernst“, sagte die Frau. „Hören Sie, ich habe mit meiner Mutter geredet. Die Gitarre gehört nicht weg. Mein Vater darf sie nicht weggeben.“
Ich blätterte in der Akte. „Ihr Vater hat sie selbst abgegeben. Er ist volljährig, das ist sein gutes Recht.“
„Er ist fünfundsiebzig und weiß nicht, was er tut.“
„Dann brauchen Sie eine rechtliche Betreuung. Nicht das Fundbüro.“
Sie beugte sich über den Tresen. Ich roch ihr Parfüm, schwer wie das Zeug, mit dem sie den Boden im Wartesaal wischen, nur teurer. „Er spielt seit zwei Jahren wieder“, sagte sie. „Jeden Abend. Meine Mutter hat ihm die Hölle heißgemacht, weil es scheppert. Aber er hat nicht aufgehört. Und jetzt will er die Gitarre wegschmeißen, weil sie gesagt hat, er klingt wie ein sterbender Esel.“ Sie zog eine Visitenkarte aus der Tasche. „Ich bin Anwältin für Familienrecht. Es gibt bessere Fälle für einen Streit. Sie halten die Gitarre zurück. Ich komme morgen mit ihm wieder.“
Ich musste die Gitarre nicht freigeben, aber die Frau war vom Fach. Ich hatte keine Lust auf eine Dienstaufsichtsbeschwerde. „Morgen ab zwölf“, sagte ich. „Früher bin ich nicht da.“
Am nächsten Tag, als es gerade anfing zu regnen, kam Werner wieder, diesmal mit seiner Tochter und einer jungen Frau, die wie seine Enkelin aussah. Petra schob ein Papier über den Tresen: eine Vollmacht. „Mein Vater möchte die Gitarre wiederhaben.“
„Soll er selbst sagen“, sagte ich.
Werner schwieg. Er hatte die Hände in den Taschen seiner Jacke. Die Enkelin legte die Hand auf seinen Arm. „Opa. Jetzt mach schon.“
„Ich weiß nicht, ob das hier richtig ist“, sagte er.
„Was ist richtig?“, fragte ich.
Er zuckte mit den Schultern. „Dass ich sie holen muss wie einen vergessenen Koffer. Dass ich nicht selber wusste, was ich will. Dass meine Tochter kommen muss.“
„Ich versteh Sie nicht“, sagte die Enkelin, mit einer Stimme, die fest klingen sollte und es nicht schaffte.
„Doch, du verstehst mich“, sagte Werner ruhig. „Deine Oma lacht. Nicht weil sie mich nicht mag. Weil sie lieber lacht als mit mir zu streiten. Sie lacht über alles, was ich falsch mache. Über die Küche, wenn ich koche. Über meine Aussprache, wenn ich Englisch lese. Über die Gitarre.“ Er rieb die Saiten mit dem Daumen, und der Ton war wie ein Stück Holz, das man über Asphalt zieht. „Ich hätte sie nicht abgeben dürfen. Das war dumm. Aber wenn ich sie jetzt hole, hole ich sie, weil ihr mich zwingt. Dann bleibt sie im Koffer. Wieder. Und ich höre sie jeden Tag im Schrank, wie sie sich nicht öffnen lässt.“
Ich hätte jetzt das Rückgabeprotokoll ausfüllen können. Ich tat es nicht. „Herr Werner“, sagte ich. „Wissen Sie, was ich hier in elf Jahren gelernt habe? Die Leute geben ihre Sachen ab, weil sie sie loswerden wollen. Aber es gibt eine Sorte, die gibt ihre Sachen ab, weil sie sich selbst loswerden wollen. Das hier ist so eine.“
Petra funkelte mich an. „Das ist nicht Ihre Sache.“
„Dann reden wir jetzt über Ihre Sache“, sagte ich. „Sie wollen die Gitarre zurück, damit Ihre Mutter schweigt. Aber Ihre Mutter schweigt nicht, wenn die Gitarre im Schrank steht. Sie schweigt nur, wenn sie wieder im Koffer liegt. Und dann hat Ihr Vater verloren. Wieder.“
Die Enkelin begann zu weinen, so lautlos, dass es wie ein feiner Wasserschaden war, der die Wand runterläuft. Werner sah sie an. „Wein nicht, Antonia. Es ist ja nur eine Gitarre. Ich kann mir eine neue kaufen.“
„Es ist deine“, sagte sie. „Seit du zwanzig warst.“
„Seit ich fünfundzwanzig war. Das Ding hat mich durch den Zivildienst begleitet, durch die erste Wohnung, durch die Hochzeit. Und dann hat deine Oma es aus dem Schlafzimmer getragen, weil es den Raum, ich weiß nicht, was störte. Seitdem stand es im Abstellraum, zwischen dem Bohnergerät und den Winterreifen.“
Petra legte die Hand aufs Telefon, als wollte sie jemanden anrufen, aber sie wählte nicht. Draußen fuhr ein Linienbus an, die 132 nach Chorweiler, und ich musste an meinen eigenen Keller denken, an die Kartons, die ich seit Jahren nicht öffne, weil man dann sehen würde, was man alles behalten hat.
„Hören Sie“, sagte ich zu Petra. „Ich halte die Gitarre fest. Sie holen Ihre Mutter. Heute Abend. Alle drei. Wenn Ihre Mutter wem auch immer hier gegenübersteht und sagt: ‚Gib sie ihm zurück, ich habe Unrecht getan‘ — dann kann sie die Gitarre haben. Vorher nicht.“
Petra wartete auf etwas anderes, aber ich war es leid, Formulare zu sein. „Sie können jetzt gehen“, sagte ich.
Was dann geschah, weiß ich von der Bahnhofsaufsicht, die am selben Abend Dienst hatte. Die Mutter kam tatsächlich. Sie hieß Marlene, siebzig. Eine kleine, kantige Frau, die den Regen von der Jacke schüttelte und schnurstracks auf den Schalter zukam. Der Kollege hatte die Gitarre schon bereitgelegt, weil ich ihm Bescheid gegeben hatte.
„Sie wollen, dass ich etwas sage“, sagte Marlene.
„Nein“, sagte der Kollege. „Ich bin nur da, um den Koffer herauszugeben.“
Marlene sah sich um. Werner stand an der Tür, die Tochter neben ihm, die Enkelin dahinter. Der Boden war nass von allen Schuhsohlen. Es roch nach fettigem Kaffee und nassen Mänteln, dieser Geruch, den man nur an Orten findet, an denen niemand freiwillig wartet.
„Ich hab gelacht, weil ich dachte, dass wir beide lachen“, sagte Marlene, ihre Stimme mit einem dünnen Sprung darin. „So war das immer. Ich lache, er lacht, alle lachen. Du hast nie gesagt, dass es dir wehtut, Werner. Nie ein Wort. Du bist einfach aus dem Zimmer gegangen und hast die Tür zugemacht. Wie soll ein Mensch das wissen, wenn das Gegenüber nicht spricht?“
Werner stand da. Ein Mann von fünfundsiebzig, der einen Koffer quer durch die Stadt getragen hatte, um ihn zurückzulassen, und der es nicht geschafft hatte.
„Jetzt spreche ich“, sagte er. „Gib mir die Gitarre, Marlene. Nicht Gott, nicht das Gericht. Gib sie mir. Ich hole sie nicht. Du gibst sie mir.“
Und dann ging die Sache sehr schnell. Marlene marschierte zum Schalter, der Kollege reichte ihr den Koffer, und sie trug ihn quer über den nassen Boden zu ihrem Mann und legte ihm die Hand auf den Koffer, und die beiden standen so da, als würden sie gemeinsam ein Kind zur Taufe halten.
Die Enkelin zückte ihr Handy, aber Werner winkte ab. „Kein Video“, sagte er. „Ich will nicht, dass man uns später so sieht. Ich will, dass man weiß, dass es hier war. Ohne Beweis.“
Marlene fragte, ob wir die Quittung noch hätten, und der Kollege druckte sie aus, und sie faltete sie und steckte sie in ihre Jackentasche, als wäre es ein Kassenzettel, den man für die Steuer braucht.
Ich kam am nächsten Morgen zur Frühschicht. Auf dem Tresen lag ein Zettel, mit Tesafilm an die Kante geklebt. Darauf stand in krakeliger Schrift: „Morgen spiele ich im Stadtwald.“ Und darunter: „Sie können vorbeikommen, wenn Sie Zeit haben.“
Ich fuhr an meinem freien Tag hin. Er saß auf einer Bank am Weiher, die Gitarre auf dem Schoß, ein paar Notenblätter in einer Klarsichthülle neben sich. Ich blieb hinter den Bäumen stehen, so weit weg, dass er mich nicht sehen konnte.
Er spielte falsch. Die Finger griffen daneben, ein Akkord kippte, er fing noch einmal von vorne an. Aber er sang dazu, mit einer Stimme, die brüchig war und trotzdem durchhielt, und die Enten auf dem Wasser rührten sich nicht von der Stelle, als würden sie zuhören.
Ich stand da, bis das Lied zu Ende war, dann drehte ich mich um und ging zurück zum Bahnhof, ohne dass er je erfahren hätte, dass jemand zugesehen hatte.
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11 вересня 2026